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Fluctuat, nec mergitur
Mit der PC-Software Navigium 6.4 ist Lateinlernen mehr als
Pauken
"Ziemlich übertrieben", würde Sofie sagen, wenn man behauptete,
Latein sei ihr Lieblingsfach. Eher ist die tote Sprache für sie
wirklich eine Fremdsprache. Beim Umgang mit Stammformen und sich
von einem Ende einer Satzkonstruktion zur anderen spannenden AcIs,
was mit dem Akkusativ konstruierte Infinitive sind, tröstet es auch
nur eher schwach, einen guten Lateiner zum Vater zu haben. Wenn der
helfen soll, genießt er wohl nicht wenig, daß auch weit jenseits
des "ut mit Konjunktiv" alles mögliche nach mehr als 30 Jahren
immer noch wie im Schlaf sitzt, was das "Humanische Gymnastikum"
ihm einst eingetrichtert hat. Aber mögen auch seltenere Gerundive
wie in Erz gegossen jederzeit aus dem Gedächtnis abrufbar sein - so
einem fehlt die rechte Geduld fürs Erklären. Darum wurde Sophies
Lateinlernen dem ungleich hartnäckigeren PC überantwortet und als
Software-Vehikel das von altphilologischen Autoritäten bestens
empfohlene Navigium 6.4 ausersehen. Dieses Programmpaket ist in
mehreren Varianten - lehrbuchunabhängig, auf Schöninghs Iter
Romanum zugeschnitten, mit und ohne Texterschließung von Cäsars
Commentarii de bello gallico I-VII - zu Preisen zwischen rund 100
und 150 Mark im Buchhandel, bei der Wissenschaftlichen
Buchgesellschaft, Darmstadt, oder im Internet (www.navigium.de) zu
bekommen. Es ist das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen einem
Vater und seinem Sohn: Karl Niederau, Lateinlehrer in Aachen, und
Philipp Niederau, Informatiker, haben in jahrelanger Arbeit ein
Latein-Training entwickelt, das jeden mit klassischem Inhalt
angefüllten Vokabelpauker auf dem PC alt aussehen läßt. Ist so ein
Programm deshalb kompliziert zu bedienen oder setzt es
Sprachkenntnisse voraus, die mit seiner Hilfe erst noch erworben
werden sollen? Nein, Navigium präsentiert sich nach dem Hochfahren
wie ein Trailer für einen Asterix-Film: Wir blicken auf ein
römisches Zeltlager und haben die Möglichkeit, uns in Zelte wie
"Stammformentrainer", "Vokabelverwaltung" oder "Konjugationshilfe"
und "Deklinationshilfe" zu begeben. Dort empfangen uns gewohnt
nüchterne Datenbankmasken, und erst zur Auswertung werden wir
wieder mit bunten Bildchen und - lateinischem - Lob bedacht: "Bene
Hercle factum est et gaudeo!" Unsere jugendliche Gewährsfrau Sophie
zeigte sich von den "lustigen kommentierenden Grafiken" nicht so
angetan wie ältere Rezensenten, aber in einem Punkt sind die mit
ihr einig: Die Anleitung ist nahezu überflüssig, und das, obwohl
Sophie nun wirklich kein Computer-Crack ist. Der bis zur Oberstufe
reichende Funktionsreichtum von Navigium ist bemerkenswert leicht
handhabbar: Beim Trainieren des Wortschatzes kann man auf
vorhandene Vokabel-Lektionen oder Selbsteingetipptes zurückgreifen,
10 000 Einträge umfaßt das beliebig erweiterbare Wörterbuch, das
Wortfamilien und Sachfelder kennt und mehrsprachige Merkhilfen
bietet. Deklination und Konjugation lassen sich separat trainieren.
Flektierte Formen aus Texten werden auf ihre Grundformen zurück-
und tabellarisch aufgeführt. Dazu gibt es Funktionen, die den
Latein-(Nachhilfe-)Lehrer freuen, aber auch für emsige Schüler
sinnvoll sind: Automatisch generierte Vokabeltests oder
Wortschatzübungen aus gegebenen Texten. Zu ganz großer Form läuft
das so schnell nicht untergehende Navigium auf, wenn Cäsars Sätze
aus dem Gallischen Krieg nach Haupt- und Nebensätzen, Subjekt und
Prädikat und satzwertigen Konstruktionen à la "Abl.Abs."
aufgedröselt, eingerückt und farbig differenzierend dargestellt
werden. Wenn es ein ganz außerhalb des Programms wahrnehmbares
Qualitätskriterium gibt, dann war das nicht erst die Lateinnote.
Lange bevor sich die Tendenzen zur Besserung zeigten, beschwerte
sich Sofies Schwester: "Ewig blockiert sie den PC mit ihrem
Lateinprogramm!" So sollte es ja auch sein.
HANS-HEINRICH
PARDEY
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